Chemieindustrie überwindet Stimmungstief

Die Chemieunternehmen in Baden-Württemberg blicken wieder zuversichtlich in die Zukunft. Nach einem Stimmungseinbruch zum Ende des ersten Quartals ist der L-Bank-ifo-Geschäftsklimaindex für die Branche im Mai im zweiten Monat in Folge gestiegen. Für vorsichtigen Optimismus sorgt offenbar vor allem die stabile Nachfrage aus dem nicht-europäischen Ausland.

Das Geschäftsklima in der baden-württembergischen Chemiebranche verbesserte sich im Mai erneut und erreichte 21 Punkte, nachdem der Index im März unerwartet auf neun Zähler abgerutscht war. Der Indexwert für die Exporterwartungen steht aktuell sogar bei 30 Punkten (April: 23 Punkte).

Damit passt der Stimmungsindikator im Südwesten wieder zu dem für 2013 erwarteten Konjunkturverlauf. Die Chemie-Verbände Baden-Württemberg, die für rund 440 Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie sprechen, prognostizieren für die Branche im Bundesland ein leichtes Umsatzplus von ein bis zwei Prozent. Dabei setzen vier von zehn Verbandsunternehmen auf Zuwächse im Ausland.

Allerdings bleiben Unsicherheiten. Thomas Mayer, Hauptgeschäftsführer der Chemie-Verbände, verweist unter anderem auf das Risiko steigender Rohstoffkosten. Unberechenbar sei zudem die weitere Entwicklung der europäischen Staatsschuldenkrise: Eine Eskalation könne „jederzeit zu einem drastischen Rückschlag für die Wirtschaft“ und insbesondere „die mittelständisch geprägte chemische Industrie führen“, betont Mayer.

Wie wichtig das Auslandsgeschäft für die Chemiebranche in Baden-Württemberg ist, zeigt das Beispiel der Mannheimer Rhein Chemie AG. Am Stammsitz sind 500 Mitarbeiter beschäftigt, weitere 600 arbeiten jedoch in Produktionsstätten in Asien, Nord- und Südamerika sowie im europäischen Ausland. Vom Umsatz der Lanxess-Tochter entfällt derzeit knapp die Hälfte auf europäische Märkte, jeweils ein Viertel der Erlöse stammt aus den Regionen Amerika und Asien/Pazifik.

Auch bei der Freudenberg-Gruppe, die unter anderem Spezialchemikalien zur Oberflächenbehandlung produziert, ist das Auslandsgeschäft ein wesentlicher Umsatztreiber. Allein in China setzte das Weinheimer Unternehmen im vergangenen Jahr umgerechnet gut 500 Millionen Euro um, im ersten Quartal 2013 stiegen die Erlöse nach Unternehmensangaben um 13 Prozent.

Basis des Erfolgs sind innovative Chemikalien für spezielle Anwendungsgebiete. An die zahlreichen Outdoor- und Sportbekleidungshersteller in Asien liefert Freudenberg beispielsweise eine Textilimprägnierung, die dem Unternehmen zufolge vollkommen frei von Lösungsmitteln ist und sich anders als die bislang verwendeten Chemikalien in der Umwelt rückstandslos abbaut.

Ebenfalls mit Spezialchemie erfolgreich ist die Uzin Utz AG aus Ulm. Das Unternehmen sieht sich als Marktführer für Estriche, Klebe- und Reinigungschemikalien für Böden bzw. Bodenbeläge. Nach einem Rekordumsatz von über 200 Millionen Euro und einem Betriebsgewinn von 13,5 Millionen Euro im Jahr 2012 erwartet das Unternehmen auch 2013 ein „gutes Ergebnis“. Auch Uzin Utz ist allerdings darauf angewiesen, dass der Export weiterhin läuft: Gut die Hälfte der Unternehmenserlöse stammen aus dem Ausland. 

Auch bei mittelgroßen Branchenunternehmen wie dem Werkzeugmaschinenbauer Heller (Umsatz unter 500 Mio. Euro) stehen die Zeichen auf Expansion: Noch 2012 soll mit dem Bau eines Montagewerks im Großraum Shanghai begonnen werden, um den Kunden aus der Automobilindustrie näher zu sein. Für Heller zahlt sich die „globale Marktpräsenz“ aus: Der Umsatz soll im laufenden Jahr um 20 Prozent steigen, und auch das für 2013 geplante Geschäftsvolumen ist nach Unternehmensangaben bereits „weitgehend“ durch den Auftragsbestand abgedeckt.

Ganz so gut wie bei Heller läuft es zwar nicht bei allen Maschinenbauern im Südwesten, der Branchentrend ist aber durchaus positiv: Laut VDMA-Umfrage wird der Umsatz der Mitgliedsunternehmen im Südwesten 2012 um rund fünf Prozent zulegen. Optimistisch stimmen auch die Nachrichten im Vorfeld der High-Tech-Messe AMB (18. bis 22. September). Die Ausstellungsflächen für die alle zwei Jahre stattfindende Messe sind den Veranstaltern zufolge „seit Monaten“ ausgebucht. Für Unternehmen, die in Stuttgart nicht zum Zuge kommen, gibt es aber einen Ausweichtermin: Erstmals veranstaltet die AMB eine Schwestermesse im Ausland, und zwar – natürlich – in Nanjing, China.

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